Nachdem wir alle längst unsere Gegenwart medial abbilden, laufend facebooken, xingen, twittern, myspacen und bloggen, ist es nun an der Zeit, Vergangenheit zu erfassen. Und der Gedanke hat ja auch seinen Reiz. Die Lebensgeschichten aller Menschen in einer Datenbank, geografisch eingegrenzt, auf eine Zeitschiene umgelegt – als Nachschlagewerk für persönliche Eindrücke kleiner und großer Ereignisse. Jede/r ist irgendwann irgendwo Zeitzeuge. Und wenn’s nur des eigenen ersten Kusses ist.

Miomi.com
„Whatever it takes„, „koste es, was es wolle“, schrieben die Venture Capital-Geber auf den Scheck, als der in Deutschland aufgewachsene Thomas Whitfield, Konzeptionist und Gründer, 2006 bei einem Entrepreneur-Wettbewerb an der Universität Oxford sein Projekt skizzierte. Er erzählte den versammelten Juroren vom Potential einer kollektiven Menschheitszeitgeschichte, basierend auf einzelnen Erlebnissen: User generated content meets oral history. Miomi.com heißt das Projekt heute. (Der Name soll übrigens der Gattin des Venture Capital-Gebers zu verdanken sein, die laut „my oh my“ rief, als sie von der Investitionsfreude ihres Mannes erfuhr.) Doch so sexy die Idee und so gesichert die Finanzierung ist (war?), so weit ist Miomi.com vom großen Durchbruch entfernt. Miomi.com glänzt heute durch Serverausfälle, statt durch eine weltumspannende Community. (Whitfield kümmert sich zeitgleich um eine andere Art von Ausfall, nämlich Haarausfall.) – Schade, schließlich sah’s zum Start 2007 so aus, als wär’s die nächste YouTube/Facebook/Twitter/Wikipedia-Story, die da ansteht.
Im Gegenteil, der Mitbewerb ist tougher und vielfältiger geworden - aber keiner der Versuche, Zeit & Erinnerungen abzubilden, ist wirklich überzeugend: Capzles.com, Mnenograph.com, XTimeline.com, Timetoast.com, Timerime.com, Lifesnapz.com, Ourstory.com, Dandelife.com. Sie greifen meist nur einige, wenige Aspekte des Themas auf, häufig die Gestaltung der Timeline selbst. Application Service Providing für (persönliche) Timelines - geeignet für Referate, Projekte, Nachrufe – und die Verwaltung eigener Lebenshighlights. „Geteilt“ wird vorrangig mit Freunden. Nicht mehr, nicht weniger, nicht besonders dynamisch. Mittlerweile gibt es auch im deutschsprachigen Raum Beispiele: Memoloop.de etwa oder Annoknips.de, die leider allesamt Zweitligacharme versprühen.
Die Herausforderung wäre, Geschichtsschreibung und den persönlichen Erlebnishintergrund übereinander zu projizieren und zu verorten - eine Matrix, heruntergebrochen auf den Tag, die Stunde, die Straße, das Haus, die Themen. Und das möglichst multimedial – Fotos, Videosnippets, Tonaufzeichnungen, Links zu Archivmeldungen, Vernetzung der handelnden Personen. Es ist natürlich komplex, historische Ereignisse (Beispiel 1: 9/11) und private (Beispiel 2: eine am gleichen Tag stattfindende Taufe) sowie allgemeine Erinnerungen an die jeweilige Zeit (Beispiel 3: Gedanken zur Herbstmode 2001) in ein Schema zu bringen und zu vernetzen. Und das so, dass Suchen, Finden, Lesen und Weiterlesen simpel und inhaltlich spannend bleiben. Letzteres verlangt Content-Qualität, die über die herkömmlicher Postings hinausgeht. Und dafür braucht’s redaktionelle Nacharbeit.

Von der Online-Plattform zur Zeitschrift: "Einestages" gab's im Herbst 2008 auch als Printtitel.
So gesehen ist der Weg von Spiegel.de kein gänzlich falscher: Einestages.de nennt sich der dort gesammelte Erinnerungsschatz an deutsche Zeitgeschichte und ist vermutlich das bekannteste deutschsprachige Beispiel. „Große“ Geschichte aus der Sicht der „kleinen“ Leute. Schöner Schmökerstoff für Anonyme Nostalgiker, aber wenig „kollektiv“. Der 2.0-Schönheitsfehler: die weitgehende Ausklammerung des Privaten. Und so sind es erneut Priveligierte, die etwas (viel?) zu erzählen haben. Keine „richtigen“ Promis diesmal, doch das späte Privileg des qualifizierten Zaungastes. Wenig oder nichts zeitgeschichtlich Bedeutendes erlebt haben, sich nicht ausdrücken können, ist definitiv keine Basis, will mensch Aufmerksamkeit auf Einestages.de. Doch gerade die Summe der kleinen Schätze sorgt für Dimensionalität, „Wickie, Slime und Paiper“ war da der erste große Wurf. Wäre YouTube einst ähnlich selektiv gewesen wie Einestages.de, würde es heute ein paar Tausend Filmchen hosten und wäre damit eines unter vielen Videoportalen. Wie also war die Sache mit dem Long Tail? (…) Und wie geht das mit redaktioneller Qualität zusammen?
Schwer. Wohl nur auf zwei Ebenen: Lesecontent + Recherchecontent. Lange persönliche Schilderungen („Meine Erinnerungen an den Prager Frühling“; geschrieben, im Interview oder auf Video erzählt) müssten durch zusätzliche Einträge verankert werden. Die in den Boden geschlagenen Zeit- und Ort-Säulen dürften konkreter, kürzer und ergänzbar sein. Und es bedarf vieler. Selbst ein locker-weitmaschiges Netz an Events setzt eine entsprechende Masse an erfassten Ereignissen voraus, Millionen von Erinnerungen und biographischen Daten. Anknüpfpunkte könnten hier – neben den großen Sozialen Medien wie Facebook – Genealogie-Datenbanken sein. WebSites wie Ancestry.com (200.000 neue biographische Fotos pro Woche) oder Geni.com (45 Millionen Profile) erfreuen sich vor allem in den Vereinigten Staaten großer Beliebtheit. Ihre User würden mit einer Vertiefung der hinterlegten Informationen tatsächlich „Geschichte“ schreiben. Und das nicht ganz uneigennützig. Ist doch das Netz als kollektives Gedächtnis auch eine Chance auf ein kleines Stück Unsterblichkeit. So dient sich selbst der Tod als Social Media Thema an und ist Anlass für öffentlich publizierte Lebensgeschichten. Nachrufe. Mydeathspace.com ist zwar nur eine Spielerei mit genialer Namensgebung, Legacy.com allerdings meint’s ernster, veröffentlicht seit 1998 Todesanzeigen und Life Storys und kooperiert weltweit mit über 700 Tageszeitungen.

Ali Mitgutsch erzählt.
Egal ob auf dem virtuellen Friedhof, im Familienstammbaum, im Freundschaftsnetzwerk oder auf Videoplattformen: „Geschichte wird gemacht“ (© Fehlfarben).
Geschichte in Form von G’schichtln.
Noch ein Beispiel? Der geniale Wimmelbuchzeichner Ali Mitgutsch erzählt für die “Bank der Einnerungen“, das italienisch-stämmige Projekt Memoro.org, aus seiner Jugend: “Schwabinger Straßengang„. Prädikat: Sehenswert.