
Charlotte Roche (Foto: Markus Hammes, GFDL)
Es mag nett sein, mit Charlotte Roche an einer Hotelbar ganz unvermittelt über Intimes zu plaudern. Über Smegma zum Beispiel oder Mundgeruch. Ob sie sich vor eindeutigen Gesprächsanbahnungen noch retten kann? “Frau Roche, mein Hämorrhoiden muß ich mir jeden Morgen mit einer Sicherheitsnadel hochstecken. Und wenn ich da in den Spiegel gucke, also mit Handspiegel und Wandspiegel, da sehe ich … Sie auch?” – Ich liebe ihre Art, aber ich vermute mal, man trifft sie zur Zeit eher selten an Hotelbars.
Irgendwie kann ich mir auch vorstellen, Charlotte Roche hat nach der Promo- und Lesetour zu “Feuchtgebiete” Analiges, Sekretiges, Mastubatorisches längst über. Ich nach der Lektüre ihres Buches übrigens auch. 220 Seiten Löcher- und Säfteoverkill. Sooo spannend fand ich “Feuchtgebiete” nicht, Tabu-larasa hin oder her.
Einfühlsamer, aber auch subversiver: der TV-Mehrteiler “Charlotte Roche unter …”, 2008 auf 3SAT gelaufen, jetzt (das’s hier ja wie üblich niemand gesehen hatte) auf DVD. Viiiel cooler, weil weniger spektaktulär – und spekulativ.
Was tut sich? Charlotte Roche begibt sich für je einen Tag unter Bestatter, Müllmänner, Jäger, Altenpfleger und Trucker. Und das ohne “Auftrag”. Kein Hinterfragen, kein Moralisieren, keine Kritik, kein Mitleid. Die Filmchen zeigen ungeschönt das Aufeinanderprallen der Roche mit den Männern in den jeweiligen Jobs. [Ja, es sind ausschließlich Männer(-jobs).] Sie zeigen sie als “Praktikantin” beim Mülleimerausleeren, beim Sargaus- und Leicheneinkleiden, als sockenauftragende Truckerbraut im “Doctor-&-Medics“-T-Shirt und beim waidmännisch-korrekten Schneeeulenliegenlassen.
Und sie macht ihre Sache gut. Leiser, als man’s von ihr gewohnt ist, hält auch mal ihre Klappe (nicht nur, als sie am Hochstand leise sein muß, um keine Tiere zu vertreiben). Sie bemüht sich um ihre Partner, ist nett, offen, wissbegierig. Gute Voraussetzungen also, mehr mitzubekommen als nur Oberfläche. Die Herangeehensweise geht auf: In kurzer Zeit stellt Charlotte Roche eine Atmosphäre her, die ihr die Möglichkeit gibt, einzutauchen. Mit ihr kann das auch der Zuschauer. Und letztlich schaltet diese/r das Fernsehgerät mit dem Gefühl ab, die Roche nicht einen Tag begleitet zu haben, sondern zwei, drei Wochen …


das gabs damals auch im stream der 3sat-mediathek – die dvd zu kaufen, halte ich für überreagiert … !
Ja, vielleicht weil man solche Formate – anders als Spielfilme – wohl nur einmal ansieht und nicht öfters. Die Videostreams in der 3sat-Mediathek hatte ich übersehen, um ehrlich zu sein. Hier also der Verweis als Nachtrag: “Charlotte Roche unter …” als Stream.
Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Auch wenn er schon etwas älter ist. Ich persönlich finde Ihn wirklich schön geschrieben. Toller Blog!